Friedensengel

Gleich mal vorneweg; der Name dieses Monuments ist fast schon eine Persiflage der Sachlage, denn – obwohl mit Flügeln gesegnet – handelt es sich hier keineswegs um einen Engel, sondern um eine Nike. Eine antike Siegesgöttin somit und die Sache mit dem Frieden sah nüchtern betrachtet so aus, dass man damit zwar den 25. Jahrestages des Friedensschlusses mit Frankreich feiern wollte, jedoch Frankreich immer noch seine Ansprüche auf Elsass und Lothringen vertrat.

Aber von Anfang an: Je nachdem, von welcher Seite man sich diesem, das Stadtbild dominierenden Monument, nähert, erschließt sich sein Sinn. Von der Villa Stuck kommend ist es zwar bequemer, aber korrekterweise schreiten Sie über die Luitpoldbrücke und betreten dann die Maximiliansanlagen, diese waren 1890/91 vollendet worden. Hier am Vorplatz des Monuments sind Sie am Brunnenbecken, das in der warmen Jahreszeit mit Mittelfontaine und vier Delphinreitern geziert ist. Die Reiterlein stammen ursprünglich von einem der Bassins der Herreninsel, Prinzregent Luitpold hat sie wie andere Figuren auch, im künstlerischen Sinne recycelt. Der Fontanabrunnen auf der Insel wurde komplett abgebaut, da die Schlossanlage nach dem Tod Ludwig II. zunächst als nutzlos abgestempelt wurde. Nach starken Kriegsschäden daran, Restaurierung und Umzug der Originale wieder auf die Herreninsel, sind heute in München Kopien davon. Hinter dem Brunnenbecken fällt der Blick auf die mächtige Futtermauer unterhalb des Monumentes. Diese Mauer ist durch Pilaster und Halbsäulen aus Trentiner Marmor sowie Nischen gegliedert. Die mittlere Nische sollte ein Denkmal Ludwigs II. bergen, daraus ist nichts geworden.
Allerdings: Zusatzaufgabe!: Sie können Ihre Runde erweitern und das Denkmal für König Ludwig II. in den Maximiliansanlagen suchen! Über eine der gegenläufigen Freitreppen geht’s nun hinauf zum eigentlichen Denkmal.
Historie: Am 10.05. 1871 kam es zum Friedensschluß mit Frankreich und in der Folge zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches. Die Rolle von Ludwig II. ist hinlänglich erörtert. Ab 1893 kam es zu Überlegungen für ein Monument, das den 25. Jahrestag dieses Friedensschlusses feiern sollte. Man hatte hier vorausschauend gedacht und sich genügend Zeit für einen Wettbewerb genommen. Kein Schlachtendenkmal, sondern ein Monument, das die Segnungen des Friedens zum Ausdruck bringen sollte, war der Auftrag. Die Prinzregent Luitpold Stiftung wählte den Standort und lobte einen Wettbewerb aus für: nur in München lebende Künstler! Gefordert war ein Säulenmonument mit Friedensgenius. Eine Skizze von Theodor Fischer von 1894 zeigt schon so eine Anlage mit Sockel und Reliefs mit siegreichen Kriegsszenen. Im April 1896 fiel dann die Entscheidung, die Arbeiten wurden im Rathaus ausgestellt und den Auftrag bekam nicht die Nummer 1 der Jury; nein dieser Platz wurde nicht vergeben, es bekam den Auftrag nicht die Nummer 2 der Jury – Bernauer, Wadère und Romeis, und es bekam den Auftrag auch nicht die Nummer 3 der Jury – Beyrer, Drexel, Schmidt. Der Auftrag wurde dann vergeben an Heinrich Düll, Georg Petzold und Max Heilmaier (Bauaufsicht). Die Grundsteinlegung erfolgte am 01.05. 1896, die Einweihung am 16.07.1899. (28. Jahrestag der Rückkehr der siegreichen bayerischen Truppen).
Der „Engel“ überdauerte den Bombenkrieg unbeschadet, allerdings setzte ihm ein Blitzschlag 1934 zu und sein traumatischtes Erlebnis war sicherlich die Demontage zur Restaurierung 1981. Da waren echte Pfuscher am Werk, die folgende Restaurierung war lange und gründlich. Er musste einen Flügel und das Standbein lassen – heute trägt er Prothesen davon und die Originale zieren das Stadtmuseum.

Soweit die Geschichte, die Beschreibung ist kurzgefasst folgende: Der Säulensockel ist eine zugängliche Halle. Je Seite befinden sich zwei Koren, vier davon hielten ursprünglich vergoldete Lorbeerzweige in den Händen. Besonders reich geziert sind die Eckpfeiler. So und jetzt haben Pfandfinder den Startvorteil, denn es geht nach Himmelsrichtungen: An der Stirnseite der westlichen Pfeiler sind in Reliefmedaillons die Portraits von: Kaiser Wilhelm I., Friedrich I. und Wilhelm II.
Dazu Herrscher aus dem Haus Wittelsbach: Ludwig II., Otto und der Prinzregent Luitpold. An den Außenseiten der Pfeiler: Bildnisse von Bismarck und jetzt wird’s kriegerisch: die Marschälle Moltke und Roon, sowie die bayerischen Befehlshaber v. d. Tann, Hartmann und Pranckh. An den Seiten der östlichen Pfeiler Reliefmedaillons mit den zwölf Taten des Herkules. Das Dach drüber hat an den Ecken Trophäen bekommen – hier wird ein urbaner Bezug zum Hofgartentor geleistet. Im Inneren dieser Halle ist der eigentliche Unterbau der Säule und hier kommt nun endlich der herandämmernde Jugendstil zum Zuge. Die Rundbildmosaike, entworfen von Düll und Petzold zeigen die Allegorien von Friede (Westseite), Krieg und Sieg (Nord und Süd) und die Segnungen der Kultur (Ostseite). Die eigentliche Säule, kannelliert mit korinthischen Kapitell, ragt 23 Meter auf und trägt dann den sog. Friedensengel. Der ist ein schwerer Brocken, 3500 kg Gewicht, 6 Meter hoch und eine Flügelspannweite von 5 Metern sind in Zahlen ausgedrückt sein „Body-Mass-Index“. Der Bronzeguss der Figur wurde von F. v. Miller ausgeführt und vergoldet. Die weibliche Gestalt steht auf dem linken Bein, das Rechte ist angewinkelt. Ob im Landeanflug oder im Starten begriffen ist ein hinlänglich diskutiertes Thema!
Aber schauen Sie genau: Er schreitet gen Westen und hat echten Gegenwind, kein laues Lüftchen. Das Gewand ist lebhaft bewegt und lässt die Körperformen deutlich hervortreten (Marylin-Effekt). Die Flügel ragen steil nach oben, seit der jüngsten Restaurierung noch steiler… In ihrer Linken hält die Münchner Nike das Palladion. Das ist eine Figur von Pallas Athene und fungiert als die Schutzgöttin für die Stadt. Ihre Rechte streckt der zu ihren Füssen liegenden Isarmetropole den Ölzweig als Friedenssymbol entgegen. Vorbild für die Münchner Nike ist eine in Pompeji 1823 gefundenen Bronzenike des 1. Jh. v. Chr. (Museo Nazionale Neapel). Christian Rauch hat sie kopiert und für die zweite Charlottenburger Viktoria (so die Bezeichnung der römischen Antike) verwendet. Als Nike bezeichneten die Griechen der Antike die Personifizierung des Begriffes „Sieg“. Die NiIke bringt den Menschen von den Göttern im feindlichen Krieg oder friedlichen Wettkampf den Sieg. Sie ist ursprünglich die Begleiterin der siegspendenden Gottheit. Bei Siegesfeiern versieht sie das Amt der Opferdienerin. Wenn die Götter feiern ist sie Mundschenkin. Ursprünglich waren Niken nur in Begleitung der siegreichen Gottheiten dargestellt. Im Hellenismus dann wurden auch die Niken zu selbständigen Gottheiten. So eine antike Vorstellung von siegbringender Gottheit ließ nun die Prinzregent Luitpold Gesellschaft den Münchnern als augenfälligen Fixierpunkt über der Isar errichten. Im Föhnhimmel glänzt die Botschaft dass man nun schon eine Generation lang Frieden hatte!

Sie glänzt auch im Jahr 2021, diese Figur, wie auch die Hoffnung auf Frieden München und Bayern durchwirkt. (Sagen Sie ruhig weiterhin Friedensengel , Sie wissen es jetzt ja besser.)